Andrej H.
Seit nunmehr über 2 Wochen wurde Andrej H. verhaftet und wurde bis gestern in der Untersuchungshaft hier in Berlin unter § 129.a festgehalten. Der Haftbefehl besteht immer noch und wurde nur außer Vollzug gesetzt. Der Berliner Soziologe Dr. Andrej H. (wie er jetzt genannt wird) wird verdächtigt, der intellektuelle Vordenker der MG (Militante Gruppe) zu sein, weil er in der Lage sei, anspruchsvolle Texte zu schreiben, Zugang zu Bibilotheken hatte und den Fachbegriff Gentrification / Gentrifizierung in seiner akademischen Arbeit nutzte. Insofern wäre dieser Text schon fast eine Selbstbezichtigung?
Nunmehr haben in dieser Woche die Medien das Thema verstärkt entdeckt. So liefen unter anderem auf der Kulturzeit und im Ersten kritische Beiträge. Unter “Tatbestand Soziologie” wurde informativ und mit einer gewissen Priese Ironie das laufende Verfahren kommentiert “Was immer die Ermittlungen ergeben: Die aktuelle Begründung für Andrej H.s Inhaftierung ist spekulativ. Die Berliner Soziologen warnen Bibliotheksbenutzer davor, dass auch sie schon morgen Terrorverdächtige sein könnten. Vielleicht bleibt man künftig lieber dumm.”
Das unverhältnismäßigen juristischen Gebaren und der terroristischen Generalverdacht, der sich langsam aber allmählich in verstärkte Überwachung und schneller zu konstruierenden Verdachtsmomenten manifestiert, mit dem auch gerne mal politische Aktivisten eingeschüchtert werden (wie im Vorlauf zu Heiligendamm passiert), kann allerdings auch Auswirkungen haben, die jenseits der Sicherheit und der Privatsphäre liegen.
Hier kommen wir zur USA, die immer noch gerne in Deutschland und anderen Ländern für Impulse und Modernisierungen herangezogen wird, selbst wenn sich diese Impulse in den USA selbst schon eher als ein Problem herausgestellt haben. Thema Sicherheit: Als Innenpolitiker muss man sich um die Sicherheit des Landes und seiner Bürger sorgen. Ein präventives und exzessives Sicherheitsdenken und Handeln jedoch, mobilisiert und polarisiert(wie in der Mobilisierung vor und den Ausschreitungen um Heiligendamm zu sehen war).
Es gibt jedoch noch einen weiteren Aspekt, der “noch” nicht gesehen wird und hierzu der Vergleich mit den USA. Dort wurde nach 9/11 ein stringentes Antiterrorsicherheitsdenken implementiert und umgesetzt. Die Resultate sind vielseitig und kontrovers. Allerdings leiden nun seit geraumer Zeit die Universitäten der USA, wie in einer Analyse der Yale University beschrieben, unter der stringenten Visapolitik und dem unangenehmen Gefühl eines Überwachungsaparates, der jederzeit über die Schulter schaut. Es kommen einfach immer weniger Menschen zum Studieren und stimmen so mit den Füssen über die Amerikanische Sicherheitspolitik ab.
Nimmt man nun Deutschlands kleines Problem der Asuländerhatzen, die national befreiten Zonen und die Deutsche Vergangenheit, zeigt ein Blick über den Atlantik, dass der schon jetzt zu erkennende Brain Drain in deutschen Universitäten und der Fachkräftemangel in der Wirtschaft nicht angegangen werden können, wenn zusätzlich die Wissenschaft und politisches Engagement als latent verdächtig erscheinen. Deshalb sollte also die klare Vorgabe aus der Politik und der Gesellschaft lauten: Hände weg von der Wissenschaft und ein umsichtiges, auf Langfristigkeit angelegtes Sicherheitsdenken.
Am Ende noch einige Links zu Andrej H.: Link zu HU-SowiFachschaft >> Andrej H. über Gentrification in Berlin auf der BPB Website >> Offener Brief an die Generalbundesanwältin Monika Harms bzgl der Freilassung Andrej H.>> Publikationen von, mit, über Andrej auf Amazon >>
Artikel: Andrej H. · Autor: Malte · Kategorie: Journal
Datum: Donnerstag, 23. August 2007, 09:35 Uhr
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