Migranten in Berlin
Mal wieder wird eindringlich in Deutschland von einer internationalen Organisation bildungspolitischer Alarm geschlagen. Die kürzlich vorgestellte Studie der OECD Studie Jobs for Immigrants: Labour market integration in Australia, Denmark, Germany and Sweden zeigt auf, dass Menschen mit Migrationshintergrund auf dem deutschen Arbeitsmarkt deutlich benachteiligt sind. Dies ist, laut Studie, “zum Teil auf das geringere Bildungsniveau von Migranten zurückzuführen. Doch auch bei gleicher Bildung schneiden Migranten und deren Kinder deutlich schlechter ab als die übrige Bevölkerung.” Hierzu sind auch übersichtliche Artikel in der Süddeutschen Online und im Spiegel Online erschienen.
Dies sind erschreckende Tatsachen für ein Einwanderungsland wie Deutschland es ist, in der 12% der Bevölkerung einen Migrationshintergund besitzen und gut jedes dritte Kind einen Migrationshintergrund aufweist. Um zukunftsfähig zu sein, muß sich in Deutschland nicht nur die Erkenntnis verfestigen, dass wir eine multikulturelle Gesellschaft sein werden und immer mehr sind, sondern dass die Potentiale von Migranten auch einen großen Anteil an der Zukunftsfähigkeit Deutschlands haben werden. Bildung ist dabei ein Schlüssel, der, wie die OECD Studie kritisiert, entweder nicht vorhanden ist oder (und dies ist das tatsächlich erschreckende an den Tatsachen) dass selbst bei gleichem Bildungslevel Menschen mit Migrantionshintergrund auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind.
Auf der bildungspolitischen Seite legt die Heinrich Böll Stiftung ein schönes, zeitnahes und übersichtliches Dossier unter dem Titel “Chancengleichheit für alle!” vor, in dem die Lage von Kindern mit Migrationshintergrund analysiert und Vorschläge zur Verbesserung unterbreitet werden. Auf der anderen Seite - auch wenn Kritik und Verbesserungsvorschläge sehr wichtig sind - muß man auch auf die Potentiale und die Leistungen von Migranten hinweisen. Denn eine überzogene Kritik lößt eher einen Opferkomplex aus als eine konstruktivistisches Selbstbewusstsein zu schaffen.
Leider wird diese Form der Recherche und des Rolemodeling zu selten betrieben - es wird noch zu oft auf die Mißstände hingewiesen und zu wenig die Potentiale unterstrichen. Es gibt jedoch diese Studien und es gibt die Potentiale. Besonders in Berlin ist zu erkennen, wo und wie die Zukunft Deutschlands aussehen kann. So auf der Website des Berliner Abgeordneten Özcan Mutlu oder durch die Arbeit der Stiftung Zentrum für Türkeistudien.
In 2005 fand in der Investitionsbank Berlin Brandenburg ein Workshop mit hochkarätigen Teilnehmern statt. Die Vorschläge und Ergebnisse des Workshops sind in der berlinpolis und von mir mitbetreuten Publikation “Junge Migranten als Chance für Berlin“zusammengefaßt. Wenn wir unsere Gesellschaft als eine Stadt begreifen, sagen wir Berlin, so wird schnell eines klar. Zuerst formen die Menschen die Stadt, dann formt die Stadt den Menschen. Unternehmer aus Migrantenschichten liefern einen wesentlichen Beitrag zur Berliner Stadtentwicklung dar. So zogen über 700 türkische Unternehmen von West- nach Ost-Berlin und zwischen 1981 und 1995 wurden dort zusätzlich mehr als 1.200 neue Betriebe gegründet. Diese Form des ethnischen Unternehmertums hat national bis Ende der 90iger mit weiterhin steigender Tendenz über 200.000 Arbeitsplätze geschaffen und deutschlandweit wurde Ende der 90iger alleine von türkischen Selbständigen über 21Milliarden Euro jährlich erwirtschaftet.
Kritik ist also nicht nur notwendig sondern überfällig - Bildung und Ausbildung sind dabei eine der wichtigsten Baustellen. Allerdings sollte auch ein Bild in der Gesellschaft geschaffen werden, dass Menschen mit Migrationshintergrungs nicht vornehmlich als ein Opfer oder als Benachteiligten darstellt, sondern die Stärken und Potentiale betont, also positive Rollenmodelle entwirft und Stereotypen entgegenwirkt. Denn in der Vielfalt liegt die Kraft. Also muss man diese Vielfalt fördern aber sich auch der Kraft bewußt werden.
Artikel: Migranten in Berlin · Autor: Malte · Kategorie: Journal
Datum: Donnerstag, 2. August 2007, 07:18 Uhr
Feed zum Beitrag: RSS 2.0 ·
Trackback: Trackback-URL
Diesen Beitrag kommentieren.