El Claretino - Entwicklungsarbeit vor Ort
Im Herbst letzten Jahres habe ich meine Physikstudium in Berlin beendet und für mich war schon lange vorher klar, danach kommt erstmal was anderes. Aufgrund verschiedener Zufälligkeiten bin ich jetzt seit vier Monaten in Medellin (Kolumbien) und arbeite als Voluntärin in einem Zeitungsprojekt mit Strassenkindern für die Stiftung “Hogares Claret”.
Die Einrichtung, in der ich arbeite, ist eine Mischung aus Internat und Tagesstätte für Strassenkinder, und nur eines der zahlreichen Häuser der Stiftung, die zu einer der bekanntesten in Kolumbien zählt und von einem Pater gegründet wurde. Die Stiftung engagiert sich schwerpunktmässig für Strassenkinder oder Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen, umfasst jedoch auch Einrichtungen wie Rehabilitationszentren für drogenabhängige Erwachse.
Das Projekt existiert seit etwa neun Monaten und ist auf Initiative einer holländischen Partnerorganisation ins Leben gerufen worden. Als ich angefangen hatte, war lediglich eine Voluntärin aus Holland an dem Projekt beteiligt. Mittlerweile sind wir vier Voluntäre und arbeiten mit einer Gruppe von ungefähr zehn Jugendlichen zusammen. Weiterhin betreuen zwei kolumbianische Journalistikstudenten den künstlerischen Teil wie Design und Strukturierung der Zeitung. Bisher beschränkt sich der Anteil der Kinder beziehungsweise Jugendlichen, die für die Zeitung schreiben, auf das Internat, in dem ich arbeite, die Idee ist jedoch, die anderen Stiftungseinrichtungen nach und nach in das Projekt mit einzubeziehen.
Wir Voluntäre sind an festen Tagen in der Woche da und die Jugendlichen, die schreiben möchten, kommen vorbei, um an einem der vier Computer zu arbeiten. Wenn die Plätze nicht ausreichen, wird der Text auf Papier geschrieben und anschliessend in den Computer übertragen.
Die Zeitung “El Claretino” ist eine Stiftungsinterne Zeitung und erscheint alle zwei Monate, dazwischen jeweils ein Bulletin. Die Jugendlichen schreiben in den Artikeln über Aktivitäten, an denen sie teilgenommen haben, oder sie stellen Persönlichkeiten wie Erzieher, Psychologen oder andere Kinder beziehungsweise Jugendliche der Stiftung vor, die sie dazu im Vorfeld interviewen. Manche schreiben Gedichte oder beschreiben ihre persönlichen Erfahrungen, die sie zum Beispiel auf der Strasse gemacht haben. Die Idee für den Artikel kommt meist von den Kindern selbst.
Unsere Hauptaufgabe besteht deshalb darin, den Jugendlichen Grundlagen in Rechtschreibung und Grammatik zu vermitteln, sowie sie beim Strukturieren der Artikel zu unterstuetzen. Dabei sind Fragen von Bedeutung wie “Welche Themen sind geeignet?”, “Wie bereitet man ein Thema journalistisch auf?”, “Was ist beim Aufbau eines Artikels zu beachten?”, “Was sind die wichtigen Informationen, die in eine Einleitung gehören?” oder “Welche Position nimmt der Autor ein?”.Zudem vermitteln wir Grundregeln der Grammatik und Rechtschreibung, denn nicht selten haben die Jugendlichen dabei grosse Schwierigkeiten.
Das Niveau der Jugendlichen ist sehr unterschiedlich. Es gibt Jugendliche, bei denen die Probleme beim Lesen und Schreiben der Buchstaben auftreten, anderen brauchen dagegen lediglich eine Hilfestellung, um ihren Text in einem geeigenten Stil zu verfassen. Einige schreiben in kürzester Zeit die erste Version des Artikels auf, mit anderen muss man Schritt für Schritt den Text gemeinsam verfassen.
Anfänglich haben wir den Jugendlichen auch Unterricht im Schreiben oder Verfassen von Artikeln gegeben, der einmal in der Woche stattgefunden hat. Auf Grund der angesprochenen Defizite in Rechtschreibung und Grammatik haben wir uns in der ersten Stunde darauf beschränkt, den Kindern die wirklich grundlegenden Regeln wie “zwischen zwei Worten gehört ein Leerzeichen” bis hin zu “jeder Satz endet mit einem Punkt” zu erklären. Darüber mag man im ersten Moment schmunzeln, die Arbeit mit den Jugendlichen hat uns jedoch gelehrt, dass keine Erklärung überflüssig ist. Auch die anschliessenden kleinen Übungen waren eher einfach angelegt, um diejenigen zu ermutigen, die noch grosse Schwierigkeiten haben. Die eher Unterforderten waren einfach stolz, die Aufgabe problemlos lösen zu können.
Insgesamt war die Resonanz auf den Unterricht sehr positiv. Aus organisatorischen Gründen ist er leider in letzter Zeit weitestgehend eingestellt worden, es ist jedoch bereits eine Einführung in die Fotografie, angeleitet von einem professionallen Fotografen, geplant, mit anschliessender praktischer Übung im Fotografieren. Gelegentlich machen wir auch Ausflüge oder es finden besondere Aktivitäten statt, wie zum Beispiel ein Besuch der Zeitung “El Mundo” oder ein gemeinsames Kochen, worüber im Anschluss einer aus der Gruppe einen Artikel schreibt.
Vor zwei Wochen ist die erste Ausgabe von “El Claretino” erschienen. Die Zeitung wurde in einem feierlichem Akt an Pater Gabriel, den Gründer der Stiftung, überreicht. Seitdem ist der Andrang von Seiten der Kinder ums Doppelte angewachsen. Viele wollen mitmachen und auch lernen, wie ein Journalist zu arbeiten.
So schön wie die Arbeit mit den Kindern ist, so groß die Freude über die Ergebnisse ist, kann El Claretino nur weiterbestehen, wenn sich engagierte Menschen finden, die sich einbringen wollen. Wer Interesse hat, findet hier die Ausschreibung und die Kontakte.
by Andrea Bierau
Artikel: El Claretino - Entwicklungsarbeit vor Ort · Autor: Malte · Kategorie: Artikel
Datum: Mittwoch, 18. April 2007, 11:04 Uhr
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