Praktisch Studieren
Die Situation wiederholte sich – Semester für Semester, Woche für Woche. Jedes Semester fand an der Universität eine Veranstaltungsreihe statt, in der sich Geisteswissenschaftler über Berufsfelder zu ihren Studiengängen informieren konnten. Vertreter aus den verschiedensten Berufen stellten ihre Tätigkeiten vor und wie sie zu diesen Jobs gekommen waren. Dabei zeigte sich, dass eine Kombination aus Können, Zufall und Glück letztlich den Weg gezeichnet haben. Auf die Frage jedoch, wie man heute in diese Berufe vorstoßen könne, war die Antwort immer dieselbe: „Sie müssen Praktika machen, um die entsprechende Erfahrung vorzuweisen“.
Das Praktikum während des Studiums zählt seit mehreren Jahren zu den zentralen Schlüsseln um den eigenen Traumjob bzw. überhaupt einen Job nach dem Studium zu erhalten. Praktika waren früher vor allem in praktisch orientierten Studiengängen, insbesondere den Fachhochschulen, verpflichtender Bestandteil des Studiums. Mit der zunehmenden Wichtigkeit von Praktika als Faktor für den Einstieg in den Arbeitsmarkt nach dem Studium ist die Bedeutung der Praktika aufgrund einer Wechselwirkung mit den Universitäten quasi überproportional gestiegen: Die Universitäten haben sich im Zuge der Umstellung auf das Bachelor/Master-System damit auseinandergesetzt, praxisbezogener das Wissen zuvermitteln. (Ob dies mit den neuen Studiengängen gelungen ist, sei an dieser Stelle dahingestellt.). Dabei wurden flächendeckend Studienmodule eingeführt, dieberufsfeld-bezogenes Wissen vermitteln sollen und deren zentraler Bestandteil ein (Pflicht)- Praktikum ist.
Daraus ergeben sich mehrere Konsequenzen. Die Anzahl der Konkurrenten um Praktikastellen steigt bereits und wird in den nächsten Jahren noch drastisch zunehmen. Derzeit sehen sich die Praktikageber vermehrt unter Zugzwang, da zunehmend feste Stellen mit nahezu unbezahlten Praktikanten besetzt werden.
Daraus ergibt sich eine soziale Komponente, eine Frage der sozialen Gerechtigkeit und der Chancengleichheit. Verschiedenste Studien der letzten Jahre haben auf die starke soziale Auslese des deutschen Bildungssystems aufmerksam gemacht. Diese Auslese setzt sich dann auch unter jenen fort, die es an die Universität geschafft haben. Dabei ist nicht gemeint, dass Studierende mit ausreichender finanzieller Unterstützung nicht neben dem Studium arbeiten müssen und sich daher besser auf das Studium konzentrieren können. Solche Studierende können dadurch auch jederzeit ein Praktikum annehmen, da sie an keinen Arbeitsplatz gebunden sind, den es zu erhalten gilt, um das eigene Studium zu finanzieren. Sie können aber darüber hinaus jene Praktika annehmen, die für den Einstieg in das gewünschte Berufsfeld enorm wichtig sind, aber leider auch unbezahlt.
Die politische Debatte um unbezahlte Praktika nimmt seit einer gewissen Zeit zu und ist auch bei den Parteien angekommen. Doch Parteien gleich welcher Coleur greifen die Debatte zwar auf, umgesetzt wird sie in den eigenen Strukturen jedoch in den seltensten Fällen. Gerade Praktika im politischen Bereich zählen also zu den unbezahlten oder schlecht bezahlten Praktika.Doch was ist unter einem Praktikum im politischen Bereich denn zu verstehen? Die Palette ist breit gestreut. In erster Linie sind damit natürlich Praktika bei Bundestagsabgeordneten oder Parteien gemeint. Zum politischen Bereich zählen jedoch auch Interessengruppen der verschiedensten Arten. Dies können zivilgesellschaftlich engagierte Vereine sein, ebenso wie Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Lobbygruppen der unterschiedlichsten Berufsgruppen. Ebenfalls zum politischen Bereich zählen auch Praktika bei den so genannten Think Tanks und den wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen wie etwa das Wissenschaftszentrum Berlin WZB oder das Max Planck Institut für Gesellschafts MPIfG in Köln, um nur zwei der bekanntesten zu nennen.
Die Suche nach Praktika-Plätzen im politischen Bereich kann sich trotz oder gerade wegen dieser enormen Bandbreite als zäh erweisen. Generell sind solche Praktika nach wie vor nicht an einer zentralen Stelle zu finden. Da Praktika Teil des Studiums und ein entscheidender Faktor für einen gelungenen Einstieg in die Arbeitswelt sind, ist es jedoch gerade wichtig zum einen einfach und unkompliziert und zum anderen gut informiert an Praktika zu gelangen. Daher besteht eine der Herausforderungen im politischen Bereich, ein funktionierendes Netzwerk zu pflegen.
Aber nicht jeder hat solch ein Netzwerk. Wie also dann vorgehen? Es hilft natürlich das Internet. Bei der Recherche sollte bereits im Vorfeld geklärt werden, für welche Bereiche der politischen Arbeit man sich am meisten interessiert. Damit kann die Suche nämlich bereits eingeschränkt werden. Als erstes empfehlen sich natürlich die einschlägigen Stellenportale oder Portale der Hochschulen (z.B. „Berufsstart“). An den entsprechenden Instituten gibt es auch oft Email-Verteiler, über die Praktika versendet werden. Die dritte und durchaus sehr erfolgreiche Methode ist, die Homepages der entsprechenden Lobbygruppen, Vereine, Parteien usw. in regelmäßigen Abständen zu besuchen. Denn oft werden Praktika-Stellen hier zuerst veröffentlicht. Zuletzt empfiehlt sich natürlich auch ein Blick in die Zeitungen. Durchaus zu raten ist übrigens auch, die eigenen Lehrenden an der Uni anzusprechen, denn gerade diese verfügen über ein gutes Netzwerk und erfahren daher oft, wo gerade eine Praktikum zu besetzen ist.
Die Suche nach einem Praktikum ist schwierig – schwieriger ist es aber herauszufinden, ob das ausgeschriebene Praktikum auch seine Versprechen halten kann. Daher empfiehlt sich, sich Informationen über den Praktikumsgeber einzuholen. Dazu sollte die Homepage besucht werden, und wenn das Büro in der Nähe liegt, ruhig einmal kurz vorbeifahren, um das Gebäude und die Umgebung unter die Lupe zu nehmen (schließlich wird man ja vielleicht einige Zeit da verbringen). Es empfiehlt sich auch, nicht unbedingt jedes Praktikum anzunehmen und ruhig auch mal zu warten. Ein Praktikum sollte nämlich nicht nur gemacht werden, um den Lebenslauf zu verschönern oder der Studienordnung Folge zu leisten, sondern um etwas über das angestrebte Berufsfeld zu lernen. Das kann natürlich auch bedeuten, dass man die Erfahrung macht, dass der auserkorene Beruf eben doch nicht der richtige ist.
von Manuel Puntscher
Artikel: Praktisch Studieren · Autor: Malte · Kategorie: Journal
Datum: Donnerstag, 7. Dezember 2006, 09:29 Uhr
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