Politik = Washington DC

Jeder, der in Berlin in der Politik einen anspruchsvollen Job bekommen möchte, braucht Erfahrungen aus der Praxis. Das heißt im Normalfall viele meist unbezahlte Praktika in den hier ansässigen Organisationen, Arbeitsgruppen oder Abgeordnetenbüros. Doch es geht auch anders. Ich wollte nach Washington, denn wenn ein Platz gleich Politik ist, dann dort.

Es war natürlich eine Menge Arbeit, eine entsprechende Position ausfindig zu machen. Das Internet durchforsten, Praktikaforen aufsuchen, entsprechende Bewerbungen schreiben, ein Zimmer finden und so weiter. Die ganze Aufregung um das Visum war ebenfalls nervenaufreibend und dann noch die langen Warteschlangen. Also warum habe ich das alles auf mich genommen, wenn ich hier zu hause all dies mit weniger Aufwand und einem intaktem Nervenkostüm überstanden hätte?Alle politischen Knoten laufen hier zusammen. Jegliche Interessensvertretung, Politiker, Regierungen, Think Tanks, Verbände, internationale Organisationen und NGOs haben ihre Büros in Washington. Ständig dreht sich die politische Welt um den Globus von DC. Die Politik ist dort nicht pompös und verschlossen sondern vielmehr dynamisch und jung. Natürlich gibt es auch einige heikle Themen: der Krieg gegen den Terrorismus, das Für und Wider bei Abtreibung oder auch Minderheitenrechte. Doch wenn etwas Politisches in der Welt oder in den USA passiert, hat Washington seinen Anteil daran und als Praktikant in Washington wird man ein Teil von dieser Welt.

Es gibt eine großartige Praktikakultur in DC. Jede Organisation, jeder Abgeordnete, jeder Senator beschäftigt Praktikanten. In meiner Organisation, einem kleinen außenpolitischen Think Tank mit weniger als 20 Mitarbeitern, wurden eine Menge internationaler Praktikanten beschäftigt. Während meiner 5 Monate habe ich so mit über 25 Praktikanten aus 9 Länder zusammen gearbeitet. Jedes Praktikum bringt natürlich auch eine Fülle an Erfahrungen mit sich. In meiner Zeit in DC habe ich erkannt und erlernt, wie anspruchsvoll die politische Projekt- und Recherchearbeit ist – musste aber auch Verteiler erstellen, Massenemails verschicken und Tische schleppen.

Auf der anderen Seite, wurde unsere Arbeitskraft vollsten honoriert. So hatten wir eigene Weiterbildungsseminare und Diskussionsserien, zu denen wir Gastredner einladen konnten. So schaffte ich es, mich mit einem ehemaligen US-Botschafter und mit einem Mitglied des Foreign Relations Committee über aktuelle Themen zu unterhalten.Dazu konnten wir noch an zahlreichen Veranstaltungen teilnehmen – wie Senatsanhörungen (mit Donald Rumsfeld), Reden im State Department, und einer Rede von Angelina Julie als UNHCR Representative – und es gibt jeden Tag und Abend weitere interessante Möglichkeiten, Politik zu sehen und mit ihr zu leben.Das Leben drum herum hatte auch seine Vorzüge. Tausende von Praktikanten strömen im Sommer nach DC. Besonders Happy Hours sind viel von Praktikanten besucht und man trifft viele interessante, intelligente und engagierte Menschen aus aller Welt. Dennoch, wenn man keine Bekannten in DC hat, kann es beizeiten etwas langweilig sein (ich hatte mich zum Glück bei Studenten eingemietet), aber eigentlich habe ich keinen kennen gelernt, der eine schlechte Zeit hatte. Viele Praktikanten nehmen das „Intern-housing“ an und schließen so natürlich schnell Bekanntschaften. Für mich kam dies aber nicht in Frage, da ich im Ausland auch Leben wollte und nicht in einer beschützte aber abgeschlossenen Welt meine 6 Monate verbringen wollte (außerdem war die Miete billiger).

Nach meiner Zeit als Praktikant hatte ich noch 30 Tage Zeit, die USA zu bereisen und habe mich nach dem internationalen und offenen DC für eine Tour in den konservativen Süden entschlossen – und auch wenn man nicht mit der Auffassung der Mehrheit dort übereinstimmt, wird man doch Amerika besser verstehen lernen. Nun, da ich zurück bin – ärmer an Geld aber reicher an Erfahrungen – wird es Zeit, sich hier einen Job zu besorgen. Es wird sicherlich auch nicht einfach werden, aber wenn Washington mir eines beigebracht hat, ist es, dass harte Arbeit am Ende auch der Mühe wert ist.

von Christian Schmidt

Artikel: Politik = Washington DC · Autor: Malte · Kategorie: Journal
Datum: Donnerstag, 7. Dezember 2006, 10:04 Uhr
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