Gestalten statt verwalten
Wie kann ich mich parallel zu meinem Studium sinnvoll politisch und gesellschaftlich engagieren, ohne sofort einer Partei beitreten zu müssen? Wie kann ich meine theoretischen Kenntnisse praktisch anwenden? Welche Möglichkeiten bestehen überhaupt, um eigene Projektideen umsetzen zu können? Diese Fragen habe ich mir gestellt, als ich im Hauptstudium meines Geschichts-, Politik-, und Kommunikationsstudiums war.
Die üblichen Verdächtigen kamen mir sofort in den Sinn: Praktikum oder studentische Mitarbeit im Parlament. Wirklich reizvoll fand ich diese Optionen allerdings nicht, da ich schon einige Praktika absolviert hatte, und bereits ein Jahr als studentischer Mitarbeiter einer Bundestagsabgeordneten tätig gewesen bin. Ein Vollzeitjob kam auch nicht in Frage, da ich noch mitten im Studium war. Klingt ganz nach der Quadratur des Kreises oder nach den berüchtigten drei Wünschen auf einmal: Engagement in einer Organisation, politisch aktiv aber ohne Parteizugehörigkeit, und eigenverantwortlich Projekte durchführen. Wo und wie ist das möglich?
Nach einiger Recherche hatte ich sie dann, die Antwort auf meine Frage. Und die lautete JEF, die Jungen Europäischen Föderalisten. Es handelt sich dabei um einen internationalen Jugendverband, der sich bereits seit über 50 Jahren für die europäische Integration nach föderalen Prinzipien einsetzt. Insgesamt gehören dem Verband 25.000 Mitglieder in ganz Europa an, die ehrenamtlich eigene Projekte realisieren. Eine ernstzunehmende Alternative zu den üblichen Verdächtigen ist demnach ehrenamtliches Engagement. Die Vorteile liegen vor allem darin, entsprechend der eigenen Verfügbarkeit aktiv zu sein, eigene Projekte initiieren und durchführen zu können, sowie mit anderen Menschen ohne parteipolitische Vorgaben politisch und gesellschaftlich aktiv zu sein. An dieser Stelle ein Wort zum Ehrenamt. Es verhält sich zur Gesellschaft so wie der Mittelstand zur Wirtschaft – ohne geht es einfach nicht! Ich will damit einen wichtigen Aspekt ansprechen, der häufig übersehen wird. Nebenbei, auch ich musste mich erst selber davon überzeugen. Ehrenamtliches Engagement wird, unabhängig vom jeweiligen Bereich, ernst genommen. Obwohl keine „professionellen“ Politiker bei der JEF sind, hat die JEF aufgrund des Netzwerkes sehr gute politische Kontakte, und zwar in alle Parteien. Ob Bundestagsabgeordnete, Mitglieder des Europäischen Parlaments, oder andere Lobbygruppen, unsere politischen Positionen werden gehört und zum Teil auch berücksichtigt. Wir haben z.B. in Kooperation mit Bertelsmann den ersten kritischen Verfassungskommentar zum europäischen Verfassungsvertrag herausgegeben. Zu intellektuell? Wir organisieren auch regelmäßig Seminare oder internationale Begegnungen.Meine schönste Erfahrung war unsere Reise nach Riga in Lettland. Es hat riesig Spaß gemacht, die Reise zu planen. Die JEF Lettland hat dafür gesorgt, dass wir neben dem „Touri-Programm“ in Riga auch eine Bus-Tour durch Lettland machen konnten. Dadurch haben wir Land und Leute auf eine andere Weise kennen gelernt – ein unvergessliches Erlebnis! Ein halbes Jahr später konnten wir dann die lettische Delegation in Berlin begrüßen. Das ist Europa hautnah. So hatte ich mir mein Engagement vorgestellt.
Im Gegensatz zu Praktika oder Teilzeitjobs brauchte ich keinen Lebenslauf einzureichen. Ideen und engagierte Leute sind immer willkommen, denn davon lebt ein auf ehrenamtlicher Arbeit basierender Verband wie die JEF. Da ich keine praktischen Erfahrungen im Projektmanagement mitbrachte, hatte ich Angst, mit meinen Vorhaben und Ideen zu scheitern. Aber wenn ich mal Probleme hatte, war immer jemand von den Älteren JEFFERN da, und haben mich mit ihrem Wissen unterstützt. Außerdem musste ich nicht zwangsläufig meine Ideen umsetzen, sondern konnte einfach Freunde bei ihren Vorhaben unterstützen. Ich hatte also kein Druck, unbedingt etwas Eigenes machen zu müssen. Auf diese Art und Weise habe ich sehr viel gelernt. Und zwar nicht nur im Umgang mit Projekten, sondern vor allem im Umgang mit Menschen und Kulturen. Von diesen Softskills profitiere ich heute noch.
Um es auf den Punkt zu bringen: Ehrenamtliches Engagement in einem Verband wie der JEF hat mir nicht nur riesigen Spaß gemacht. Vielmehr hatte ich von Anfang an die Möglichkeit, eigene Ideen verantwortlich umzusetzen, mich gesellschaftspolitisch zu engagieren, und viele interessante Menschen kennen zu lernen. Kurzum, ehrenamtliches Engagement ist aus meiner Sicht eine ernstzunehmende Alternative zu Teilzeitjobs und Praktika. Denn meine wichtigsten Erfahrungen kommen nicht vom Kaffeekochen, Kopieren, oder Abheften, sondern von den Ideen, die ich selber umgesetzt habe.
von Thomas Heißmeyer
Artikel: Gestalten statt verwalten · Autor: Malte · Kategorie: Journal
Datum: Donnerstag, 7. Dezember 2006, 09:06 Uhr
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